Das Wesen des Freimaurerbundes besteht in der Einheit von leitender Idee, tragender brüderlicher Gemeinschaft und vertiefendem symbolischem Erlebnis. Als Glieder eines ethischen Bundes treten die Freimaurer für Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit ein. Als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen ist die Loge Übungsstätte dieser Werte. Als Symbolbund dient die Freimaurerei der Verinnerlichung von Idee und Gemeinschaft. Hierin liegt ihre Besonderheit gegenüber allen anderen Zusammenschlüssen mit veralteten Zielen.

Wie immer man die alte und stets neue Frage: Was ist Freimaurerei beantwortet, wichtig ist den Freimaurerbund als Einheit von Idee, Gemeinschaft und symbolischem Ausdruck zu begreifen. Diese Vielgestaltigkeit des Bundes erlaubt den menschlichen Neigungen unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten. So mag der eine mehr von lebendiger geistiger Auseinandersetzung angezogen werden, der andere in der menschlichen Gemeinsamkeit der Loge das Wesentliche sehen, und der dritte schließlich in Symbol und Brauchtum das Zentrum des Bundes erleben. Erfüllte Freimaurerei verwirklicht sich allerdings nur im Zusammenspiel aller ihrer Elemente.

Der Tradition der europäischen Aufklärung folgend, bekennen sich die Freimaurer zu moralischen Werten und Überzeugungen. Der Frei­maurerbund entwickelt zwar kein eigenes ethisches System und versucht schon gar nicht, ethi­sche Überzeugun­gen in politische Programme zu übertragen. Dennoch gibt die Freimaurerei mit ihren alten Wertposi­tionen Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Friedensliebe und Toleranz Orientierungen und Maßstäbe für das Denken und Handeln ihrer Mitglieder vor. Im Vergleichen von Realität und Wert­maßstab, im gemeinsamen Nachdenken und in kritischer Selbstaufklärung sollen Verhaltensweisen und Umgangsstile eingeübt werden, die ein Umset­zen ethischer Überzeugungen in die Lebenspraxis des einzelnen Freimaurers bewirken.

Nichts geht über das „laut denken“ mit einem Freunde - auf diese Formel hat der Freimaurer Les­sing eine der zentralen Grundüberzeugungen der Freimaurerei gebracht.

Freimaurerei ist Initiationsgemeinschaft und symbolischer Werkbund:
Zur Festigung der zwischenmenschlichen Beziehungen, zur gefühlsmäßigen Vertiefung ethischer Überzeugungen und als Anleitung zur Selbsterkenntnis be­dienen sich die Logen alter, aus der Tradition der europäischen Dombau­hütten stammender Symbole und symbolhafter Handlungen (Rituale), in deren Mittelpunkt die feierliche Aufnahme (Initiation) des neuen Mitglieds in die brüderliche Gemeinschaft steht. Die „Entzauberung der Welt“ durch technischen Fortschritt und ge­sellschaftlichen Wandel sowie die hiervon geprägte Un­rast des Alltagslebens bedürfen eines Gegen­gewichts in Form von Nachdenklichkeit, Ruhe und Gelegenheit zum Sammeln neuer Kräfte. Frei­maurer verschließen sich nicht den moder­nen Lebens- und Arbeitsformen, zu deren Vermenschli­chung sie beitragen wollen. Sie sehen aber in der tätigen Daseinsbewältigung nur eine Seite mensch­licher Existenz, die der emotio­nalen Ergänzung bedarf. Im freimaurerischen Brauchtum wird diese Ergänzung vermittelt.